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Erlebnispädagogik


LEITLINIEN

 

Leitlinien für Jugendbildungsarbeit mit erlebnispädagogischem Ansatz des Landesverbandes der Evangelischen Jugend in Hessen
vom 19. Oktober 1993


Als Alternative zum „verschulten“ und einseitigen theoretischen Lernen haben erlebnispädagogische Methoden auch in der außerschulischen Jugendbildungsarbeit an Bedeutung gewonnen. Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes (Lernen mit Herz, Hand und Verstand) erweitern sie rein erkenntnisorientierte Lernangebote um die Dimension der sinnlichen Erfahrung und des körperlichen Erlebnisses.

Zum Beispiel bietet eine Flußerkundung mit dem Kanu zusätzlich die Möglichkeit, sich aktiv mit dem Thema „Wasser“ zu beschäftigen. Fließendes Gewässer kann auf diese Weise sinnlich erlebt, Wasserströmung körperlich erfahren werden u. a mehr.
Diese erlebnis- und erfahrungsorientierten Elemente tragen neben Seminareinheiten, die sich z. B. thematisch mit Problemen von Abwasser und Klärung beschäftigen und die Bedeutung des Lebenselementes Wasser für Mensch und Natur gedanklich reflektieren, zu einer vielseitigen und umfassenden Themenbearbeitung bei.

Ein ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt bei der Auseinandersetzung mit komplexen Themenstellungen einerseits unterschiedliche inhaltliche Aspekte (z. B. Wasserkreislauf, -gewinnung, -nutzung, -verschwendung, -qualität, Flora und Fauna usw.) und wählt andererseits geeignete methodische Formen der Umsetzung (z. B. Besuch einer Kläranlage, biologische/chemische Gewässeruntersuchung, Vortrag, Film, Diskussion, Flußerkundung mit dem Kanu usw.) Jugendbildungsarbeit mit erlebnisorientiertem Ansatz spricht, so verstanden, die Teilnehmer/Teilnehmerinnen in ihrer Ganzheit an, d. h. einerseits ihre Sinne, ihren Körper, ihre Gefühle und andererseits ihr Denken, ihr Reden und ihr Handeln.


FÖRDERUNG

Förderung von Maßnahmen mit erlebnisorientiertem Ansatz

Maßnahmen und Programme mit erlebnisorientierten Elementen können nach dem JBFG gefördert werden, wenn sozial-ökologische Inhalte und/oder politisch-kulturelle Schwerpunktthemen mit gesellschaftlichem Bezug im Mittelpunkt der Maßnahme stehen. In Abgrenzung zur erlebnispädagogischen Freizeitmaßnahme ist bei der Jugendbildungsveranstaltung darauf zu achten, daß die erlebnispädagogischen Methoden nicht zum Inhalt werden und wie alle anderen Methoden auch als Mittel zum Zweck zu verstehen sind.

Die Auseinandersetzung mit Inhalten und Themen darf gegenüber der Organisation von außergewöhnlichen Erlebnissituationen nicht zu kurz kommen. Jugendbildungsarbeit mit erlebnisorientiertem Ansatz ist im Spannungsfeld von Aktion und Reflexion zu entwickeln, d. h. Erlebnisaktionen sollten sinnvoll mit inhaltlicher Auseinandersetzung, Nachbesprechung und Gedankenaustausch verknüpft werden. Dies schließt ein willkürliches und scheinbar beliebiges Hineinpacken von Themenstellungen in das Programm aus, weil angemessene Rahmenbedingungen für deren Bearbeitung erkennbar sein müssen.

Das heißt konkret: Das Kanu eignet sich nicht als Ort für Kleingruppendiskussionen, die Kanufahrt kann im Rahmen einer Jugendbildungsveranstaltung nur im Sinne einer erlebnisorientierten Aktion neben Informations-, Kommunikations- und Reflexionsphasen eine Rolle spielen.

Das gleiche Prinzip gilt auch für andere erlebnisorientierte Aktionen, wie z. B. Steilwandklettern, Bergwandern usw.
Wird das Angebot eines Gruppengesprächs oder einer Diskussion in Aktions- und Erlebnisphasen dazugepackt, so kann dies weder dem Inhalt noch dem Erlebnis gerecht werden und entspricht nicht dem eingangs beschriebenen, ganzheitlichen Konzept einer Jugendbildungsarbeit mit erlebnisorientiertem Ansatz.


PROGRAMME

Programme, die eine Förderung nach dem JBFG ausschließen, entsprechen eher dem Charakter einer erlebnispädagogischen Freizeit und weisen im wesentlichen folgende Merkmale auf:


Reduzierung der Arbeitseinheiten auf rein natursportliche Aktivitäten
Erlebnis als Selbstzweck, als Programm
Beliebige Aneinanderreihung von Inhalten und Methoden rund um den Effekt des Erlebnisses
Isolierte, aktionistische Maßnahme ohne Bezug zu gesellschaftlichen Themenstellungen

Programme, die eine Förderung nach dem JBFG ermöglichen, entsprechen mit ihrem konzeptionellen Ansatz den vorhergegangen Grundlagen von Jugendbildungsarbeit mit erlebnisorientiertem Ansatz und weisen im Wesentlichen folgende Merkmale auf:


Ein Leitthema steht im Mittelpunkt und präsentiert sich durchgängig
Das Programm läßt deutlich eine inhaltliche Zielorientierung erkennen
Erlebnispädagogische Elemente überwiegen nicht.
Die einzelnen Arbeitseinheiten orientieren sich an inhaltlichen Themen und Schwerpunkten. Erforderlich sind 6 Arbeitseinheiten à 45 Minuten, d. h. 4 ½ Zeitstunden pro Tag.
Die zeitlichen Rahmenbedingungen für Aktions- und Reflexionsphasen stehen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander.
Ein komplexes Thema wird ganzheitlich bearbeitet, d. h. Gruppenarbeit, Exkursionen, Erkundungen und andere Formen der inhaltlichen Themenbearbeitung wechseln sich sinnvoll mit Erlebnisaktionen ab.
Reflexionsphasen und inhaltliche Auseinandersetzungsprozesse haben ihren eigenen Raum, sowohl zeitlich als auch örtlich. (Dies schließt nicht aus, daß während der Erlebnisphasen ungeplant Reflexion oder inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet.)
Das geplante Programm als organisatorischer Rahmen weist deutlich eigenständige Reflexionsmöglichkeiten aus.

Frankfurt, den 19. Oktober 1993



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